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Die ‹Alte Bayerische›

Die ‹Alte Bayerische Bierhalle› (ca. 1880 bis 2015) war während Jahrzehnten ein beliebter Treffpunkt von Nachtschwärmern. Nach dem Besuch einer Veranstaltung – eines Variétés oder später einer Kinovorführung – traf man sich auf ein Bier in der ‹Alten Bayerischen›. Das Restaurant war so gross, dass man vereinbaren musste, wo man sich treffen wollte: auf der Seite Steinenberg oder beim Eingang Steinenvorstadt. Die ‹Alte Bayrische› wurde 2015 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt.

Manchmal ging es dort auch ziemlich laut und grob zu; nicht nur in den 1960er und 1970er Jahren, sondern schon vorher, wie Robert Heuss, ehemaliger stellvertretender Polizeikommandant und späterer Staatsschreiber von Basel-Stadt im Blog des Staatsarchivs schreibt.

Auf die folgende Krawallgeschichte stiess er bei seinen Archivrecherchen für die 2016 erscheinende Publikation zur Basler Polizeigeschichte 1816–2016:

Auf Grund verschiedener Lärm-Petitionen aus der Nachbarschaft der Bayerischen Bierhalle verfügte das Basler Polizeidepartement, dass diese Wirtschaft jeden Abend um 23 Uhr zu schliessen habe. Am 8. September 1883, einem Samstag, trat diese Verfügung in Kraft. Der Wirt Franz Bühler leistete der Verfügung Folge und räumte sein Lokal rechtzeitig. Daraufhin sammelte sich auf der Strasse eine beträchtliche, lautstarke Menschenmenge, welche die «petitionierenden Nachbarn» mit Glockenzügen und Beschimpfungen belästigte und Steine an deren Fenster warf, «so dass bald eine Anzahl Scheiben zertrümmert, Storen und Möbel beschädigt und die Hausbewohner in grosse Angst versetzt waren.» Die Polizei war völlig unvorbereitet und deshalb nur in ungenügender Stärke an Ort, «verstärkte sich aber nachher und konnte allmählich die Strasse säubern.»

Damit hatte es aber nicht sein Bewenden: In den folgenden beiden Nächten wiederholten sich die Krawalle. Die Basler Nachrichten schrieben: «Am Sonntag Nachts wiederholte sich die bedauerliche Szene. Die Wirtschaft selbst war schon vor 11 Uhr geschlossen, allein dichte Volksmassen versperrten den Eingang in die Steinenvorstadt bis zum Theatersteg. Diesmal war die Polizeimannschaft zum Schutze der Nachbarn zahlreich erschienen, stellte sich vor der Bayerischen Halle und den anstossenden Häusern auf und begann die Massen langsam zurückzudrängen. Als sich nun einzelne Tumultuanten erfrechten, Steine gegen die Polizei zu werfen, zog diese blank und nun erst fingen die Leute an sich zu verlaufen. Es wurden vier Personen verhaftet. Die strafrechtliche Untersuchung ist eingeleitet und es wird hoffentlich gelingen, die Meistbeteiligten zu ermitteln.»

In den folgenden Nächten hörten die nächtlichen Ruhestörungen auf, die Zeitungen erörterten aber noch einige Tage, ob das Polizeidepartement eine Mitschuld trage, da essich zu stark auf die Seite der Petenten geschlagen habe. Regierungsrat Dr. Karl Burckhardt-Iselin erwiderte, es seien verschiedene und wiederholte Klagen bei der Polizei eingegangen, es sei wiederholt verzeigt und sieben Strafen wegen Lärm und Unfug ausgesprochen worden. Dreimal habe das Strafgericht vorgeschlagen, eine frühzeitige Schliessung des Lokals zu verfügen. Die angefochtene Verfügung sei deshalb «eine wohlbegründete und keineswegs ein Akt polizeilicher Willkür oder Übereilung»

Unter dem Titel ‹Plaudereien aus Basel› machte sich der Schweizer Volksfreund über das Geschehene lustig und kolportierte in der Stadt herumschwirrende Gerüchte: Man habe die Alte Bayerische gestürmt, Bierfässer herausgeholt und auf der Strasse Gratisbier ausgeschenkt; die Menge habe einen Landjäger an den grossen Kandelaber auf den Barfüsserplatz aufgehängt, «er hänge jetzt noch dort und man behaupte, er ‚zable’ noch ein wenig»; man habe die Bsetzi aus dem Strassenpflaster gerissen und in Fenster geworfen und als diese ausgingen, habe man die gegenüberliegenden Dächer erstiegen und die Ziegel ausgehoben; der Militärdirektor habe noch in der Nacht nach dem Waffenplatz Herisau telegraphiert, es möchten sofort 1’000 Mann nach Basel beordert werden, um Ruhe zu schaffen; es sei der bayerische Landsturm ausgerückt und werde via Lindau–Rorschach nach Basel kommen, um die Bayerische unter seine Fittiche zu nehmen; es sei – mit bösen Folgen – eine Dynamitpatrone mitten unter die Menge geworfen worden; «gleichzeitig soll eine in der Nähe wohnende Frau ihren Gatten mit Zwillingen erfreut haben. Beide Kinder hätten aber Köpfe wie Bierseidel und seien gehenkelt wie Deckelgläser»; ein Landjäger habe schon am Samstag vom Leder ziehen wollen, aber in dem Moment sei ihm eingefallen, «dass auf jedem Polizistensäbel eingraviert sei ‹Du sollst nicht töten›. Da habe er sein Schwert in der Scheide gelassen.»

Postkarte zur Erinnerung an die ‹Salvatortage› in der Alten Bayerischen Bierhalle von 1905. Salvator war der Name für ein frisch gebrautes Starkbier.
Sammlung Werner Steiner, Basel

Der erste Stock in der ‹Alten Bayerischen›. Archiv Wirteverband Basel-Stadt.

Ein markantes Element in der Alten Bayerischen Bierhalle war das Fenster mit dem Fasnachtssujets des bekannten Basler Künstlers Burkhard Mangold (1873–1950). Das grossformatige Glasfenster wurde– in der typischen Art des Jugendstils – 1908 für das Restaurant geschaffen und konnte zum Glück vom Historischen Museum Basel ‹gerettet› werden. Die fasnächtliche Szene ist auf der Mittleren Rheinbrücke angesiedelt. In der rechten Bildhälfte erscheint das Grossbasler Ufer mit dem Münster. Die farbkräftigen und opaleszenten Gläser erzeugen eine flächige Wirkung. Wie auf einem Vexierbild treten erst nach längerer Betrachtung die typischen Fasnachts- Figuren hervor, so die ‹Alte Dante› im Vordergrund links, der Waggis mit dem Wagen oder die Orangen fangenden Knaben.
Historisches Museum Basel, Foto Peter Portner

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Die ‹Alte Bayerische›

Die ‹Alte Bayerische Bierhallte› (ca. 1880 bis 2015) war während Jahrzehnten ein beliebter Treffpunkt von Nachtschwärmern. Nach dem Besuch einer Veranstaltung – eines Variétés oder später einer Kinovorführung – traf man sich auf ein Bier in der ‹Alten Bayerischen›. Das Restaurant war so gross, dass man vereinbaren musste, wo man sich treffen wollte: auf der Seite Steinenberg oder beim Eingang Steinenvorstadt. Die ‹Alte Bayrische› wurde 2015 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt.

Postkarte zur Erinnerung an die ‹Salvatortage› in der Alten Bayerischen Bierhalle von 1905. Salvator war der Name für ein frisch gebrautes Starkbier.  Sammlung Werner Steiner, Basel

Der erste Stock in der ‹Alten Bayerischen›.Archiv Wirteverband Basel-Stadt

Manchmal ging es dort auch ziemlich laut und grob zu; nicht nur in den 1960er und 1970er Jahren, sondern schon vorher, wie Robert Heuss, ehemaliger stellvertretender Polizeikommandant und späterer Staatsschreiber von Basel-Stadt im Blog des Staatsarchivs schreibt.

Auf die folgende Krawallgeschichte stiess er bei seinen Archivrecherchen für die 2016 erscheinende Publikation zur Basler Polizeigeschichte 1816–2016:

Auf Grund verschiedener Lärm-Petitionen aus der Nachbarschaft der Bayerischen Bierhalle verfügte das Basler Polizeidepartement, dass diese Wirtschaft jeden Abend um 23 Uhr zu schliessen habe. Am 8. September 1883, einem Samstag, trat diese Verfügung in Kraft. Der Wirt Franz Bühler leistete der Verfügung Folge und räumte sein Lokal rechtzeitig. Daraufhin sammelte sich auf der Strasse eine beträchtliche, lautstarke Menschenmenge, welche die «petitionierenden Nachbarn» mit Glockenzügen und Beschimpfungen belästigte und Steine an deren Fenster warf, «so dass bald eine Anzahl Scheiben zertrümmert, Storen und Möbel beschädigt und die Hausbewohner in grosse Angst versetzt waren.» Die Polizei war völlig unvorbereitet und deshalb nur in ungenügender Stärke an Ort, «verstärkte sich aber nachher und konnte allmählich die Strasse säubern.»

Damit hatte es aber nicht sein Bewenden: In den folgenden beiden Nächten wiederholten sich die Krawalle. Die Basler Nachrichten schrieben: «Am Sonntag Nachts wiederholte sich die bedauerliche Szene. Die Wirtschaft selbst war schon vor 11 Uhr geschlossen, allein dichte Volksmassen versperrten den Eingang in die Steinenvorstadt bis zum Theatersteg. Diesmal war die Polizeimannschaft zum Schutze der Nachbarn zahlreich erschienen, stellte sich vor der Bayerischen Halle und den anstossenden Häusern auf und begann die Massen langsam zurückzudrängen. Als sich nun einzelne Tumultuanten erfrechten, Steine gegen die Polizei zu werfen, zog diese blank und nun erst fingen die Leute an sich zu verlaufen. Es wurden vier Personen verhaftet. Die strafrechtliche Untersuchung ist eingeleitet und es wird hoffentlich gelingen, die Meistbeteiligten zu ermitteln.»

In den folgenden Nächten hörten die nächtlichen Ruhestörungen auf, die Zeitungen erörterten aber noch einige Tage, ob das Polizeidepartement eine Mitschuld trage, da es

sich zu stark auf die Seite der Petenten geschlagen habe. Regierungsrat Dr. Karl Burckhardt-Iselin erwiderte, es seien verschiedene und wiederholte Klagen bei der Polizei eingegangen, es sei wiederholt verzeigt und sieben Strafen wegen Lärm und Unfug ausgesprochen worden. Dreimal habe das Strafgericht vorgeschlagen, eine frühzeitige Schliessung des Lokals zu verfügen. Die angefochtene Verfügung sei deshalb «eine wohlbegründete und keineswegs ein Akt polizeilicher Willkür oder Übereilung»

Unter dem Titel ‹Plaudereien aus Basel› machte sich der Schweizer Volksfreund über das Geschehene lustig und kolportierte in der Stadt herumschwirrende Gerüchte: Man habe die Alte Bayerische gestürmt, Bierfässer herausgeholt und auf der Strasse Gratisbier ausgeschenkt; die Menge habe einen Landjäger an den grossen Kandelaber auf den Barfüsserplatz aufgehängt, «er hänge jetzt noch dort und man behaupte, er ‚zable’ noch ein wenig»; man habe die Bsetzi aus dem Strassenpflaster gerissen und in Fenster geworfen und als diese ausgingen, habe man die gegenüberliegenden Dächer erstiegen und die Ziegel ausgehoben; der Militärdirektor habe noch in der Nacht nach dem Waffenplatz Herisau telegraphiert, es möchten sofort 1’000 Mann nach Basel beordert werden, um Ruhe zu schaffen; es sei der bayerische Landsturm ausgerückt und werde via Lindau–Rorschach nach Basel kommen, um die Bayerische unter seine Fittiche zu nehmen; es sei – mit bösen Folgen – eine Dynamitpatrone mitten unter die Menge geworfen worden; «gleichzeitig soll eine in der Nähe wohnende Frau ihren Gatten mit Zwillingen erfreut haben. Beide Kinder hätten aber Köpfe wie Bierseidel und seien gehenkelt wie Deckelgläser»; ein Landjäger habe schon am Samstag vom Leder ziehen wollen, aber in dem Moment sei ihm eingefallen, «dass auf jedem Polizistensäbel eingraviert sei ‹Du sollst nicht töten›. Da habe er sein Schwert in der Scheide gelassen.»

Ein markantes Element in der Alten Bayerischen Bierhalle war das Fenster mit dem Fasnachtssujets des bekannten Basler Künstlers Burkhard Mangold (1873–1950). Das grossformatige Glasfenster wurde– in der typischen Art des Jugendstils – 1908 für das Restaurant geschaffen und konnte zum Glück vom Historischen Museum Basel ‹gerettet› werden. Die fasnächtliche Szene ist auf der Mittleren Rheinbrücke angesiedelt. In der rechten Bildhälfte erscheint das Grossbasler Ufer mit dem Münster. Die farbkräftigen und opaleszenten Gläser erzeugen eine flächige Wirkung. Wie auf einem Vexierbild treten erst nach längerer Betrachtung die typischen Fasnachts- Figuren hervor, so die ‹Alte Dante› im Vordergrund links, der Waggis mit dem Wagen oder die Orangen fangenden Knaben.   
Historisches Museum Basel, Foto Peter Portner